Natur sich selbst überlassen - Pronaturierung!

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2024 hatte ich auf den Naturschutztagen in Radolfzell die Gelegenheit Herrn Prof. Dr. Pierre L. Ibisch zu erleben. Und wenn ich "erleben" schreibe mein ich das auch so. Das Erlebnis hat sich bis heute in meine Erinnerungen eingebrannt. Es war schrecklich zu spüren, wie enttäuscht dieser bekannte und engagierte Wissenschaftler war. Er appellierte in seinem Vortrag an die Menschheit beim Erhalt von Natur entschlossener zu handeln:

"Wir brauchen Empörung und Widerstand in den Köpfen der Menschen. Wir haben eine historische Anomalität vorliegen: Der „alte“ Naturschutz hat ausgedient – er kann seine Ziele, die Natur zu schützen nicht mehr erreichen!!! Wir Menschen haben versagt! Und es gibt auch kein Zurück mehr zum Naturschutz – game over! Daher: das einzige was jetzt noch bleibt ist „Pronaturierung“ – die Ökosystemfunktionen und Ökosystemleistungen sichern! Unsere zukünftige Landwirtschaft muss Humus produzieren! Normale Praktiken der Landwirtschaft müssen gestoppt werden. In Zukunft muss die Umkehr der Beweislast vorgenommen werden: Ökonomen müssen ab jetzt nachweisen, dass sie die funktionalen Leistungen der Natur nicht schädigen! Und: Naturschutz muss politisch werden – wir müssen unser Menschenrecht auf Lebensgrundlage und ökologische Atmosphäre einfordern! Schutzgebiete = Bioproduktive Gebiete. Die Pronaturierung Deutschlands – das muss das Ziel sein!"

Folgende Auszüge aus einem Interview mit Prof. Dr. Pierre L. Ibisch anlässlich der Naturschutztage 2024 in Radolfzell verdeutlichen Aspekte eines möglich Vorgehen eindrücklich Quelle: https://baden-wuerttemberg.nabu.de/umwelt-und-leben/politik-und-naturschutz/34453.html:

"Pronaturierung bedeutet für mich, auf ökosystemare Kräfte zu setzen, etwa Sukzession und Resilienz. Es gibt möglichst wenig Einzelteilmanagement, viel metasystemisches Management. Definitiv aber kein permanentes Nachpflanzen, Stutzen, Trimmen, Lenken, Besserwissen. Pronaturierte Landschaft enthält mehr selbstorganisierte, wilde Natur, die uns auch überraschen darf und muss.Bei der Pronaturierung geht es nicht darum, von uns erdachte Zielzustände zu erreichen, sondern Ökosystem-Funktionen und -Leistungen zu fördern, die uns in der Multikrise Zeit kaufen. So benötigen wir etwa vor allem Kühlung, Pufferung, Energie- und Wasserspeicherung und Bodenbildung. Es geht um thermodynamisch effiziente haushaltende Systeme, um die Dissipation, wie die Physiker sagen, oder zumindest um das zeitweilige Wegparken von zusätzlicher Energie im System, also von energiereicher Strahlung und immer mehr Wärme bzw. Hitze. Ökosysteme können das ganz gut, wenn sie funktionieren, Biomasse haben und vor allem Wasser.

Pronaturierung beginnt in der Stadt mit wilden Park- und Gartenecken und Eh-Da-Flächen. Sie umfasst das Anlegen von Agroforstsystemen und bedeutet eine Rückkehr von Hecken und Hainen in die Agrarwüste, nur größer und wilder. Pronaturierung kann mit Tiny forests oder der Aussaat von einigen Arten starten, lässt aber dann los und nutzt die Resilienz und Entwicklungskraft der Ökosysteme."


Andrea Garschke: In der Praxis bedeutet das nach meinem Verständnis: Möglichst viel Fläche schaffen auf der sich Natur entwickeln kann und diese Flächen sich selbst überlassen. Je widerstandsfähiger sich diese Naturflächen entwickeln können, desto besser können sie wichtige Ökosystemdienstleistungen erbringen. Der Auftrag ist klar - jetzt muss er nur noch umgesetzt werden!